Die Dreikönigslegende

oder: Was aus den Drei Königen wurde …

Die Entwicklung der apokryphen Schriften, d. h. Schriften, die die Kirche als nicht vom Heiligen Geist eingegeben betrachtet, zur Legende ist besonders gut aus einer Handschrift des 15. Jahrhunderts in der Staatsbibliothek in München zu ersehen. Da heißt es:

Nachdem die „heyligen drey Kung“ ihr Opfer gebracht haben, ruhen sie nachts in Bethlehem. Da erscheint ihnen der Engel und gibt ihnen Weisung, nicht zu Herodes zurückzukehren, sondern alia via, d. h. auf anderem Wege. „Da furen sy all dry haim.“ Nach den meisten Legenden dieser Zeit geschah diese Heimfahrt mit einem Schiff von Tarsis aus. Die Legende fährt danach fort: An einem „berg fons“, zu dessen Füßen die Stadt Sodélla liegt, gründen sie eine Kapelle zu Ehren des Kindes, das sie gefunden haben und, heimgekehrt in ihre Länder, „in India“ künden sie dort ihren Völkern von dem „Kindlein mit dem Creutz“, „davon ließen viel Haiden die abgotter“. Nach dem Tode Christi wird nun der Apostel Thomas „von dem gotlichen Willen gesandt in das Land India zu predigen christenlichen gelauben“. Er begegnet den drei Königen, „die waren nun vor alter vast kranck“, unterweist sie gründlich „von Jesum, dem Kind, dem sy dz opfer prachten, und er ward getodt unn wie er erstunden unn auch zu Himmel fur“. Danach tauft er sie, bekehrt noch viel Volk und macht die Heiligen Drei Könige zu Erzbischöfen. Nachdem er sie unterwiesen hat „wie sy die meß haben sullen“, nimmt St. Thomas Urlaub und zieht auf eine Insel, wo er gemartert wird.

39-DreikoenigenschrankeDen drei Königen aber erscheint nun wieder ein Stern, diesmal allerdings als Künder ihres nahen Todes. Nach einer zehnjährigen Amtszeit als Bischof stirbt zuerst Melchior, und zwar acht Tage nach Weihnachten während der Feier der Heiligen Messe. „Am obristen Tag“, nämlich am 6. Januar, als König Balthasar die Messe beendet hatte, „da naigt er sein Haupt unn starb on alle Schmerzen“, 111 Jahre alt. Wieder sechs Tage später stirbt Caspar, 108 Jahre alt, und wird von allen Fürsten und Herrn zwischen die beiden andern in den Sarg gelegt. Der Stern aber, der ihnen bei der Geburt Jesu erschienen war, leuchtet über der Stadt Sodélla, bis ihre Reliquien zu Köln ihre letzte Ruhestätte gefunden haben.

40-DreikoenigenschrankeMan spürt dem Bericht in dieser Münchener Handschrift aus dem 15. Jahrhundert deutlich an, wie sehr er sich bemühte, den Volkston zu treffen.

Leonhard Küppers, Die Heiligen Drei Könige, 1964, S. 15-19