Eine historische Quelle

Der Reliquienschrein der hh. drei Könige 1864

Der Schrein, in dem die hh. drei Könige ruhen, ist seines kostbaren Inhaltes würdig. Er ist ein Beweis, wie sehr unsere Vorfahren den hohen Werth der ihnen zu Theil gewordenen heiligen Gebeine zu schätzen wußten. Sie dachten sich in ihrem gläubigen Sinne, dass diejenigen, welche zuerst dem Heilande geopfert, ihm ihre irdische Herrlichkeit zu Füßen gelegt hatten, auch würdig seien, mit dem Kostbarsten, was die Erde bietet, geziert zu werden.

Wahrhaftig königlich ist der Reichthum und die Kostbarkeit des Schreines, der die hh. drei Könige umschließt, und die sinnreiche Kunst unserer alten Meister hat es verstanden, das reiche Material auch in einer so geschickten Weise zu verwerthen, dass Stoff und Form sich gegenseitig heben, und zusammen ein Kunstwerk bilden, wie die Erde kaum ein zweites aufzuweisen hat.

Zwar sind bei der Flüchtung des Schreines zur Zeit der französischen Revolution viele Kostbarkeiten verloren gegangen. Namentlich sind damals die reichen Kronen, womit die Häupter geschmückt waren, und die zusammen achtzehn Pfund an gediegenem Golde wogen, abhanden gekommen; ebenso einige Stücke aus den Seitenwänden nebst den dazu gehörigen Figuren. Aber noch ist der materielle Werth des Schreines ein sehr bedeutender. Die Figuren der obern Giebelwand sind sämmtlich aus gediegenem Goldblech getrieben, die an den übrigen Wänden aus stark vergoldetem Silberblech. Dazu kommt die außerordentliche Menge von Edelsteinen aller Gattungen und Farben, von Perlen, Cameen und andern geschnittenen Steinen. Die Zahl der Edelsteine und Perlen beträgt 1540 Stück, von denen die meisten (587) auf die vordere Giebelwand allein kommen, darunter einige von erstaunlicher Größe, z.B. ein 3 ½ Zoll hoher und 2 ½ breiter Topas, ein geschnittener Blutjaspis, 3 ½ Zoll hoch und 3 Zoll breit, welche die Schutzplatte des Gitters, hinter dem die h. Häupter liegen, zieren. Der geschnittenen antiken Steine sind 226.

(Abb. 6)

Der ganze Schrein hat die Form einer dreischiffigen Kirche, bei der das Hauptschiff über die beiden Seitenschiffe hervorragt. Die Vorder- und Rückseite ist im Giebel 4 ½ Fuß hoch, unten drei Fuß breit. Die Langseiten sind 5 ½ Fuß lang, während sie vor der Wiederherstellung im Jahre 1804 eine Länge von 7 ½ Fuß gehabt hatten.

Der reiche Schmuck in Bild und Schrift zeigt uns die Geschichte der Erlösung, wie sie von den Propheten vorherverkündigt, in der Fülle der Zeiten durch die Menschwerdung und das Leiden des Sohnes Gottes vollbracht, durch die Aposteln bis an die Grenze der Erde getragen wurde, in den Heiligen sich verwirklicht und in dem Weltgerichte zur Vollendung kommt.

(Abb. 7)

Die Verdachung der beiden Seitenschiffe ist mit je acht kleinen, sinnigen Gemälden geziert, welche bei der Restauration nach Anleitung des Prof. Wallraff von B. Beckeman angefertigt wurden, um die verloren gegangenen werthvollen Reliefdarstellungen aus dem Leiden Christi zu ersetzen. Die Gemälde beziehen sich alle näher oder entfernter auf den Inhalt des Kastens, auf die hh. drei Könige, und sind in sinniger Weise so geordnet, dass die auf der linken Seite, dem alten Bunde entnommen, je einzeln ein passendes Seiten- oder Gegenstück zu den gegenüberstehenden Darstellungen auf der rechten Seite bilden.

Wie an der Verdachung der Seitenschiffe, so sind auch an der des Mittelschiffes die ehemals darauf angebrachten Bogen und Bildwerke verloren gegangen. Nun sind die beiden Abhänge dieser Verdachung in fünf Abtheilungen eingetheilt, welche, durch vergoldete Engel von einander getrennt, ebensoviele Gruppen von vergoldeten Sternen enthalten, die auf den Stern der hh. drei Könige hindeuten.

Das ist das herrliche Denkmal, welches unter den Hallen eines der schönsten und größten Dome der Christenheit, ein Dom im Kleinen, die Gebeine derer umschließt, denen zuerst die Herrlichkeit des in Kindesgestalt erschienenen Sohnes Gottes sich aufgethan.

aus: M. J. Scheeben, Festbüchlein zur Feier des 700-jährigen Jubiläums der Übertragung der hh. Könige nach Köln (1864)