Wege der Reliquien

Mailand

41-St-Eustorgio-Mailand-Translation-des-Sarkophags-Capella-dei-Magi

Mit der Übertragung der Dreikönigsreliquien durch Erzbischof Rainald von Dassel nach Köln treten diese erst in das volle Licht der Geschichte. Über die Zeit davor wissen wir über sie kaum historisch Konkretes. Aber schon das Mittelalter hat einen reichen Legendenkranz gewoben, um die mehr als 1100 Jahre zwischen der Anbetung der Weisen in Bethlehem und dem feierlichen Einzug ihrer Reliquien in Köln mit frommen Ereignissen auszufüllen. Die Reliquien galten als von der hl. Helena nach Konstantinopel gebracht und von dort später durch den heiligen Bischof Eustorgius nach Mailand überführt.

Spätestens seit dem 12. Jahrhundert wurden sie in der Kirche San Eustorgio in Mailand aufbewahrt, aber über ihre Verehrung in Mailand ist kaum etwas bekannt. 

42-san eustorgio sarkophag innenHistorisch fassbar werden sie erstmals in der Chronik des Abtes vom Kloster Mont St. Michel in Nordfrankreich, Robert von Thorigny († 1186), der zum Jahr 1158 berichtet, dass in diesem Jahr die Körper der Drei Magier in einer Kirche vor den Toren Mailands gefunden wurden.

Am 1. März 1162 musste sich Mailand, das Barbarossa seit Mai 1161 zum zweiten Mal belagerte, dem Kaiser ergeben. Die Stadt wurde geplündert und zerstört. Was mit den vor der Belagerung der Stadt in die Kirche San Giorgio al Palazzo in Sicherheit gebrachten Gebeinen der Hl. Drei Könige geschah, wissen wir nicht genau. Man kann aber annehmen, dass sie in die vorläufige Verwahrung Bischof Heinrichs von Lüttich kamen. Dieser war vom Kaiser mit der Verwaltung der Einkünfte des Mailänder Erzbistums beauftragt worden und es spricht viel dafür, dass er die Dreikönigsreliquien gerne für seine Lütticher Kirche behalten hätte. Der Kaiser schenkte sie aber am 10. Juni 1164 zusammen mit den Gebeinen der hll. Felix und Nabor seinem Kanzler Rainald von Dassel, dem Erzbischof von Köln.

Köln

Barbarossa hat „uns jetzt drei kostbare Geschenke verliehen, nämlich die ausgezeichneten Körper der drei heiligen Weisen und Könige, welche als Erste unter den Völkern als Vorbilder und Verweis auf die künftige Kirche, die aus den Völkern besteht, dem in der Krippe liegenden Christus wertvolle Gaben brachten. Deren hochgepriesene Körper, die aller Verehrung höchst würdig sind, waren in Mailand in der Kirche des hl. Bekenners und Bischofs Eustorgius feierlich und ruhmreich beigesetzt.“

zitiert bei Floss, Dreikönigenbuch, 1864 / Bearbeitung Dr. Joachim Oepen

Nachdem er am 11. Juni 1164 aufgebrochen war, schrieb Erzbischof Rainald von Dassel aus Vercelli am 12. Juni diesen Brief nach Köln, in dem er seine Ankunft mit den kostbaren Heiligtümern ankündigte. Vermutlich erhielt Rainald auch die Gebeine des hl. Apollinaris und vielleicht auch die der hll. Gervasius und Protasius, die später nach Breisach gelangten.

43-Ekta001101Eine heute im Kölner Dom befindliche Mariendarstellung trägt den Namen „Mailänder Madonna“. Vor dieser befand sich im neu errichteten gotischen Dom das Grab Rainalds von Dassel. Daher wird vermutet, dass der Kölner Erzbischof gleichzeitig auch ein Marienbildnis von Mailand mitgebracht hat. Die heutige Marienfigur stammt aber mit Sicherheit aus späterer Zeit. Vielleicht ist sie der Ersatz für eine frühere, tatsächlich aus Mailand stammende Statue, die bei dem Dombrand von 1248 vernichtet wurde.

Der Weg, den der Kölner Erzbischof mit den Gebeinen nahm, war wohl überlegt und in seinem Verlauf bedeutungsvoll. Er ist zwar nicht in allen Einzelheiten, aber im Hauptverlauf belegt. Rainald verließ Italien über den Pass des Mont Cenis Richtung Frankreich. Auf diese Weise reiste er mit den Hl. Drei Königen durch die damaligen „Drei Königreiche“ des Reiches, nämlich Italien, Burgund und das Regnum Teutonicum (Deutschland). Überall auf seinem Zug entfachte Rainald einen Sturm der Begeisterung, der noch deutlich in den erhaltenen Berichten nachklingt. Durch die Burgundische Pforte erreichte er den Oberrhein und gelangte dann zu Schiff nach Köln. Aufgrund einer keineswegs unzweifelhaften Überlieferung wird angenommen, dass die Reliquien des hl. Apollinaris unterwegs in Remagen zurückgelassen wurden. Durch ein Wunder soll nämlich die Weiterfahrt des Schiffes mit dessen Gebeinen verhindert worden sein. So wurde der Martinsberg von Remagen zum Apollinarisberg.

Am 23. Juli 1164 traf der Erzbischof dann mit den Reliquien in Köln ein. Sie wurden unter großem Jubel und begleitet von liturgischen Gesängen in den alten Dom getragen. Rainald wollte ursprünglich vermutlich die Bedeutung der Hl. Drei Könige für die Reichspolitik nutzen. Mit dem glorreichen Einzug in Köln begann die Begeisterung des gläubigen Volkes die Translation der Dreikönigsreliquien jedoch zu entpolitisieren. Die echte Frömmigkeit zerstörte schließlich die ideologischen Pläne zur Selbstdarstellung von Kaiser und Reich.

Wohl noch unter Erzbischof Philipp von Heinsberg, dem Nachfolger Rainalds, begann man mit der Herstellung des kostbaren Reliquienschreines, der erst gegen 1220 unter Erzbischof Engelbert II. von Berg fertiggestellt wurde. Letzterer war es auch, der, anstelle des aus karolingischer Zeit stammenden Vorgängerbaus, des sogenannten Alten Domes, bereits die Errichtung eines neuen Domes anregte. Doch erst 1248 beschloss das Domkapitel unter Erzbischof Konrad von Hochstaden, ein solches, der Bedeutung der Bischofs-, Kapitels- und Wallfahrtskirche angemessenes Bauwerk in Angriff zu nehmen. Der Bau wurde in mittelalterlicher Zeit nicht fertiggestellt. Anfang des 16. Jh. stellte man den Baubetrieb ein, und erst im 19. Jh. konnte das Bauwerk vollendet werden.

Prof. Dr. Heinz Finger

Wege der Reliquien

Mailand

41-St-Eustorgio-Mailand-Translation-des-Sarkophags-Capella-dei-Magi

Mit der Übertragung der Dreikönigsreliquien durch Erzbischof Rainald von Dassel nach Köln treten diese erst in das volle Licht der Geschichte. Über die Zeit davor wissen wir über sie kaum historisch Konkretes. Aber schon das Mittelalter hat einen reichen Legendenkranz gewoben, um die mehr als 1100 Jahre zwischen der Anbetung der Weisen in Bethlehem und dem feierlichen Einzug ihrer Reliquien in Köln mit frommen Ereignissen auszufüllen. Die Reliquien galten als von der hl. Helena nach Konstantinopel gebracht und von dort später durch den heiligen Bischof Eustorgius nach Mailand überführt.

Spätestens seit dem 12. Jahrhundert wurden sie in der Kirche San Eustorgio in Mailand aufbewahrt, aber über ihre Verehrung in Mailand ist kaum etwas bekannt. 

42-san eustorgio sarkophag innenHistorisch fassbar werden sie erstmals in der Chronik des Abtes vom Kloster Mont St. Michel in Nordfrankreich, Robert von Thorigny († 1186), der zum Jahr 1158 berichtet, dass in diesem Jahr die Körper der Drei Magier in einer Kirche vor den Toren Mailands gefunden wurden.

Am 1. März 1162 musste sich Mailand, das Barbarossa seit Mai 1161 zum zweiten Mal belagerte, dem Kaiser ergeben. Die Stadt wurde geplündert und zerstört. Was mit den vor der Belagerung der Stadt in die Kirche San Giorgio al Palazzo in Sicherheit gebrachten Gebeinen der Hl. Drei Könige geschah, wissen wir nicht genau. Man kann aber annehmen, dass sie in die vorläufige Verwahrung Bischof Heinrichs von Lüttich kamen. Dieser war vom Kaiser mit der Verwaltung der Einkünfte des Mailänder Erzbistums beauftragt worden und es spricht viel dafür, dass er die Dreikönigsreliquien gerne für seine Lütticher Kirche behalten hätte. Der Kaiser schenkte sie aber am 10. Juni 1164 zusammen mit den Gebeinen der hll. Felix und Nabor seinem Kanzler Rainald von Dassel, dem Erzbischof von Köln.

Köln

Barbarossa hat „uns jetzt drei kostbare Geschenke verliehen, nämlich die ausgezeichneten Körper der drei heiligen Weisen und Könige, welche als Erste unter den Völkern als Vorbilder und Verweis auf die künftige Kirche, die aus den Völkern besteht, dem in der Krippe liegenden Christus wertvolle Gaben brachten. Deren hochgepriesene Körper, die aller Verehrung höchst würdig sind, waren in Mailand in der Kirche des hl. Bekenners und Bischofs Eustorgius feierlich und ruhmreich beigesetzt.“

zitiert bei Floss, Dreikönigenbuch, 1864 / Bearbeitung Dr. Joachim Oepen

Nachdem er am 11. Juni 1164 aufgebrochen war, schrieb Erzbischof Rainald von Dassel aus Vercelli am 12. Juni diesen Brief nach Köln, in dem er seine Ankunft mit den kostbaren Heiligtümern ankündigte. Vermutlich erhielt Rainald auch die Gebeine des hl. Apollinaris und vielleicht auch die der hll. Gervasius und Protasius, die später nach Breisach gelangten.

43-Ekta001101Eine heute im Kölner Dom befindliche Mariendarstellung trägt den Namen „Mailänder Madonna“. Vor dieser befand sich im neu errichteten gotischen Dom das Grab Rainalds von Dassel. Daher wird vermutet, dass der Kölner Erzbischof gleichzeitig auch ein Marienbildnis von Mailand mitgebracht hat. Die heutige Marienfigur stammt aber mit Sicherheit aus späterer Zeit. Vielleicht ist sie der Ersatz für eine frühere, tatsächlich aus Mailand stammende Statue, die bei dem Dombrand von 1248 vernichtet wurde.

Der Weg, den der Kölner Erzbischof mit den Gebeinen nahm, war wohl überlegt und in seinem Verlauf bedeutungsvoll. Er ist zwar nicht in allen Einzelheiten, aber im Hauptverlauf belegt. Rainald verließ Italien über den Pass des Mont Cenis Richtung Frankreich. Auf diese Weise reiste er mit den Hl. Drei Königen durch die damaligen „Drei Königreiche“ des Reiches, nämlich Italien, Burgund und das Regnum Teutonicum (Deutschland). Überall auf seinem Zug entfachte Rainald einen Sturm der Begeisterung, der noch deutlich in den erhaltenen Berichten nachklingt. Durch die Burgundische Pforte erreichte er den Oberrhein und gelangte dann zu Schiff nach Köln. Aufgrund einer keineswegs unzweifelhaften Überlieferung wird angenommen, dass die Reliquien des hl. Apollinaris unterwegs in Remagen zurückgelassen wurden. Durch ein Wunder soll nämlich die Weiterfahrt des Schiffes mit dessen Gebeinen verhindert worden sein. So wurde der Martinsberg von Remagen zum Apollinarisberg.

Am 23. Juli 1164 traf der Erzbischof dann mit den Reliquien in Köln ein. Sie wurden unter großem Jubel und begleitet von liturgischen Gesängen in den alten Dom getragen. Rainald wollte ursprünglich vermutlich die Bedeutung der Hl. Drei Könige für die Reichspolitik nutzen. Mit dem glorreichen Einzug in Köln begann die Begeisterung des gläubigen Volkes die Translation der Dreikönigsreliquien jedoch zu entpolitisieren. Die echte Frömmigkeit zerstörte schließlich die ideologischen Pläne zur Selbstdarstellung von Kaiser und Reich.

Wohl noch unter Erzbischof Philipp von Heinsberg, dem Nachfolger Rainalds, begann man mit der Herstellung des kostbaren Reliquienschreines, der erst gegen 1220 unter Erzbischof Engelbert II. von Berg fertiggestellt wurde. Letzterer war es auch, der, anstelle des aus karolingischer Zeit stammenden Vorgängerbaus, des sogenannten Alten Domes, bereits die Errichtung eines neuen Domes anregte. Doch erst 1248 beschloss das Domkapitel unter Erzbischof Konrad von Hochstaden, ein solches, der Bedeutung der Bischofs-, Kapitels- und Wallfahrtskirche angemessenes Bauwerk in Angriff zu nehmen. Der Bau wurde in mittelalterlicher Zeit nicht fertiggestellt. Anfang des 16. Jh. stellte man den Baubetrieb ein, und erst im 19. Jh. konnte das Bauwerk vollendet werden.

Prof. Dr. Heinz Finger

Eine historische Quelle

Eine historische Quelle

Im Morgenland, wo sie ihr Leben beendet, wurden sie von den Christen beigesetzt. Aber wie diese ersten Gläubigen aus der Heidenwelt einst aus dem Morgenlande nach Westen hin zu der Krippe des neugeborenen Erlösers gewandert waren, so ging auch der Zug ihrer heiligen Gebeine von Osten zu dem Abendlande. Denn diese wurden zuerst aus dem fernen Morgenlande von einer Heiligen, an welche am Rheine so viele Erinnerungen sich knüpfen, nämlich von der Kaiserin Helena, nach der neuen Kaiserstadt Konstantinopel gebracht. Von Konstantinopel kamen die h. Reliquien nach Mailand und wurden dort in der Kirche des h. Eustorgius, eines Erzbischofs von Mailand aus dem vierten Jahrhundert, welchem auch von mehreren Mailändischen Geschichtsschreibern die Erlangung dieses Heiligthums zugeschrieben wird, ehrfurchtsvoll beigesetzt. Noch jetzt erblickt man dort das steinerne Denkmal, in welchem die drei Schreine mit diesen h. Reliquien gegen achthundert Jahre aufbewahrt wurden. Noch jetzt erglänzt an der alten Stelle der goldene Stern; aber die dem Sterne folgten, haben seitdem nach dem Willen der Vorsehung ihre Wanderung noch weiter in das Abendland hinein, bis zu uns, fortgesetzt Dieses geschah aber so.

Die Stadt Mailand in Ober-Italien hatte sich gegen Friedrich Rothbart von Neuem empört, und dieser Kaiser zog nun mit seiner und vieler Reichsfürsten Heeresmacht, darunter auch Kölnische Truppen, nach Italien, wo er die aufrührerische Stadt eroberte, und bis auf die Kirchen zerstörte.

44-St-Eustorgio-PfeilerkapitellAus Besorgnis für ihren heiligsten Reliquienschatz, hatten die Mailänder die Leiber der hh. drei Könige schon vorher aus der Kirche des h. Eustorgius in die Kirche des h. Georg gebracht und dort verborgen. Sie wurden aber nach der Eroberung entdeckt - nach mehreren Mailändischen Geschichtsschreibern soll dieses durch eine vornehme Dame geschehen sein, welche dadurch das Leben ihres Bruders retten wollte - und nun erhielt der Kanzler des deutschen Reiches, unser Erzbischof Reinald, als den besten Theil der Kriegesbeute und zum Danke für die großen dem Kaiser geleisteten Dienste, dies Heiligthum für seinen Dom. Alsbald entbot Reinald der Geistlichkeit und der gesammten Bürgerschaft von Köln von Bercelli aus seinen Gruß und theilte ihnen in seinem Schreiben vom 10. Juni 1164 mit, dass sein sehnlichster Wunsch erfüllt sei.

45-stadtbannerAls Reinald, nach glücklicher Vermeidung aller Nachstellungen, welche ihm auf dem Wege drohten, am kölnischen Ufer landete, wurde er von so dichten Schaaren empfangen, dass es bis heute im Munde der Kölner die Erinnerung an dieses Gedränge sich erhalten hat. Der Ort, wo das Schiff landete war wahrscheinlich in der Nähe des Domes, und das Frankenthor, welches vor wenigen Jahren der neuen Brücke weichen mussten dasjenige, wodurch der Zug mit den hh. drei Königen in ungemessener Freude und unter feierlichen Gesängen die Stadt betrat. Wohl nicht mit Unrecht werden die drei eisernen, einst vergoldeten Kronen, welche dieses Thor bis zum Abbruche zierten, mit diesem Einzuge der h. drei Könige in Verbindung gebracht. „Und das Heiligthum ward,“ so berichtet die kölnische Chronik, „von der Geistlichkeit und von den Bürgern gebracht in den alten Dom, und von der Zeit hat die Stadt Köln zugenommen an Ehre und zeitlichen Gütern, beides in dem geistlichen und in weltlichen Stande, wie das offenbar zu merken ist an den Wohnungen und Häusern binnen Köln, die vormals also schlecht waren gebaut, deren noch ein Theil zu Köln ist. Aber die Häuser in den neuen Bauten sind sehr kostbar und jene weit übertreffend. Und des gleichen war es auch mit andern Dingen.“

aus: M. J. Scheeben, Festbüchlein zur Feier des 700-jährigen Jubiläums der Übertragung der hh. Könige nach Köln (1864)